Hier finden Sie einige ausgewählte Artikel und Kritiken der vergangenen Jahre......
Das "Solinger Tageblatt" schreibt am 6. Juni 2006:
Leichlingen (dn). Eins muss man ihnen lassen: Die Luther-Ratten sind tierisch kreativ.
Es gibt kaum eine Szene, in der nicht sprach-schöpferisch Neuwertiges auf die Bühne kommt.
Ein sarkastisches Bild zeichnet das Düsseldorfer Kirchen-Kabarett dabei für die Zukunft der Kirchenarbeit.
Vom "Taufomat" ist etwa die Rede, der automatisch das heilige Sakrament austeilt - samt
Quittung fürs Familienstammbuch, versteht sich. Auch die Oblaten sind in der satirischen
Vorstellung des Jubiläumsprogrammes "Ein bisschen Sch(w)und ist immer" zum Selberziehen gedacht.
Zum Anbieter wird da flugs die Fastfood-Kette mit dem güldenen "M" gemacht.
In kabarettistischer Stimmlage geben hier wie sonst auch hauptsächlich Andreas Beaugrand und
Jürgen Weiler den Ton an. Die Sicht konservativer Kirchgänger vertritt hingegen in eher
didaktischer Weise Jürgen Erdmann. Der Pfarrer hat die Luther-Ratten bereits 1985 gegründet.
Schade, dass er sich in seinen Beiträgen bekannter Meinungen wie der bedient, dass die Alten
von heute die Kindheit auch ohne Gurtpflicht und Co. überlebt hätten. Der Zielgruppe im
Evangelischen Gemeindehaus gefällt das natürlich. So scheint bei den Luther-Ratten aber jeder
sein Rollen-paket geschnürt zu haben.
Für die Jüngeren gibt Cordula Scherf sowohl die Hardcore-Prostituierte als auch die eifrige
Lehrerin. Sie trumpft besonders beim mit Pianist Reiner Winzen vorgetragenen Lied über
Beziehungsalltäglichkeiten auf. Leise Töne und Dreifach-Reime machen hier die Musik.
Gelungene Satire bieten die Düsseldorfer Kabarettisten schließlich immer dann,
wenn Dinge zugespitzt werden. Die Ideen vom Messwein-Eimersaufen und der Anti-Rauch-Gestapo
sind zwei Beispiele dafür. www.lutherratten.de
Norbert Acker schreibt in der Tageszeitung
" N R Z "
am 15. Februar 2006:
Ratten wühlen im Dreck, halten sich normalerweise im Untergrund auf und gelten als bissig. An und für sich sind die Nager in der sauberen Menschenwelt nicht sehr beliebt - auch wenn sie über eine ausgeprägte Intelligenz verfügen. Wohl deshalb wählte sich das evangelische Kirchenkabarett „Luther-Ratten" vor 20 Jahren gerade die Ratte als Namenspatron. Denn gutes Kabarett wühlt im Dreck „der Anderen" - und ein gehöriger Schuss Intelligenz gehört auch dazu.
„Aber bitte mit Sahne"
Bissig wie die Ratten wollten sie von Anfang an sein, die Kirche und ihre Führungsetage satirisch von unten betrachten. Das war schon 1985 die grundlegende Idee, als Jürgen Erdmann, damals Jugendpfarrer der Luthergemeinde, seine Kabarett-Truppe gründete. Dem Klischee vom humorlosen Protestanten hat die launige Gruppe nie entsprochen, die mit 25 Mitgliedern das erste Programm „Aber bitte mit Sahne" auf die Bühne des Gemeindesaals der Bilker Lutherkirche brachte. Zwanzig Jahre später hat sich ein festes, fünfköpfiges Ensemble und ein Autorenstamm herausgeschält.
Mit dem Jubiläums-Programm „Ein bisschen Sch(w)und ist immer" gibt es einen neuen kabarettistischen Rundumschlag gesellschaftlicher, politischer und kirchlicher Themen. Da wird für Geistliche ohne Gläubige das Projekt „Nie mehr einsam am Altar" vorgestellt, im Beerdigungsinstitut über „Schöner sterben" gesprochen oder mit der gerade in Kirchenkreisen beliebten „politischen Korrektheit" ins Gericht gegangen.
Dass sich das Projekt „Luther-Ratten" so lange hält, damit hätte 1985 niemand gerechnet. Auch Erdmann nicht, der „nebenbei" noch bis 2002 Pfarrer der Luthergemeinde war. „Was als Idee begonnen hat, wurde zum Selbstläufer. Schon nach den ersten Auftritten kamen Anfragen von außerhalb", erinnert er sich. „1988 waren wir bei einem bundesweiten Künstlertreffen eingeladen, in einem Programm mit Dieter Hildebrandt. Und schon 1990 hatten wir Auftritte in der damaligen DDR."
Die Ratten waren und sind auch immer gern gesehene Gäste auf Kirchentagen, auch wenn sich die Amtskirche anfangs etwas schwer mit der liebevoll gemeinten Kritik aus den eigenen Reihen tat. Heute sind sie aus der evangelischen Kirche nicht wegzudenken.
Ende der 80er ging es vor allem darum, das steife Klerikale zu entkrampfen, einfach mal was anderes zu machen, sagt Erdmann. Mit ihrem hauseigenen Stil haben sich die „Luther-Ratten" schnell einen Ruf weit über die Düsseldorfer Stadtgrenzen hinweg erspielt. Auch mit dem neuen Programm sind sie bis Ende des Jahres wieder in der ganzen Republik unterwegs, rund 15 Auftritte stehen fest. „Manchmal murrt das Ensemble dann auch, wir können gar nicht alle Angebote annehmen. Immerhin haben wir als Laiengruppe ja auch alle Familie und Beruf", so Erdmann.
Das Credo der Luther-Ratten fasst der engagierte Theologe und Kabarettist Erdmann dann frei nach Heinrich Spoerl zusammen: „Unsere Programme sind Loblieder auf die Kirche, aber es ist möglich, dass die Kirche es nicht bemerkt."
Das neue Programm „Ein bisschen Sch(w)und ist immer" spielt am 17. und 18. Februar, 20 Uhr, im Gemeindesaal der Lutherkirche, Koperni-kusstraße 9a. Eintritt 10 Euro.
Martin Merz schreibt in der Wochenzeitung "Die Zeit" Nr. 48, am 26. November 1993:
Christlich läßt sich vieles Taufen: die Seefahrt, die Demokratische und die Soziale Union, das ganze Abendland. Also auch das Kabarett. Zwar warnt Psalm 1: "Wohl dem, der nicht im Kreis der Spötter sitzt." Doch schon im zweiten verspottet der Herr persönlich die Könige der Erde. Die Autorität des Höchsten steht über dem moralinsauren Vers des Psalmisten. So tummeln sich in kirchlichen Szenen christliche Kabaretts zuhauf, das Bühnenwort übertrumpft das Kanzelwort . jedenfalls nach Zuhörerzahlen. Christliche Kabaretts sind leidende Idealisten. Die "Kneifer" in Hamburg zum Beispiel, ironisch-katholisch seit 1975 und jetzt mit "Der Schein trügt" im vierzehnten Programm, kompensieren ihren katholischen Frust aus dem Engagement, das zwischen "Basis und Amtskirche" leerläuft. Und geben nicht auf, weil es - sie sagen "Er - sie nicht läßt. Der Ärger der "LutherRatten" in Düsseldorf, seit November 1985 auf Gemeindebühnen und Kirchentagen aktiv und jetzt mit dem 6. Programm ("Eine feste Burg ist unser Spott") unterwegs, geht gegen das kirchliche "Dummdeutsch" der Schön- und Sonntagsredner, des "neuen geistlichen Liedes", der modischen Nachbeter, die nacheinander Pazifismus, Feminismus, Ökologie, Esoterik ideologisch-christlich garnieren.
Alle gemeinsam treten sie an gegen eifernde Glaubensfundamentalisten "mit einem Weltbild des Jahres Null". Lacher sind leicht gewonnen. Wird das Ideal in der Absatzkrise zum Spottpreis verschleudert? "Gegen die Kirche und das Christentum zu sein bringt heute ungemein schnelle, hämische, Schrille Lacher". sagt Hanns Dieter Hüsch, der Kabarettist vom Niederrhein, "das mag ich nicht".
Hüsch, "weltliches", gleichwohl christliches Vorbild der kirchlichen Gruppen auf der Kabarettbühne, braucht "Pfaffen, Nönnekes und Mittelalter" nicht nur für seine Kunst. Gott aber kommt vor: "Er lacht, spottet über mich, auch über sich selbst." Hüschs lieber Gott, hat eine Schwester und einen Schwager in Dinslagen. Die besucht er öfter mal. Daher kennt Hüsch ihn und seine Schwäche. Der niederrheinische Schwager des Allmächtigen ist krank, wie viele. "Aber", hat Gott voll Bedauern zu Hüsch gesagt, "aber ich kann nicht überall sein. Tut mir leid." Sehr symphatisch, der Herr, und so menschlich.
"Christliches Kabbarett " ist eine Stilfrage. Über Geschmack läßt sich unentwegt streiten. Das Tabu der Geschmacklosigkeit bestimmt sich denn auch nicht durch Paragraph 166 StGB ("Religionsbeschimpfung), sondern muß für jeden Text neu erspürt werden.. Die "Kneifer" lassen Gott oder Jesus nie persönlich auf der Bühne erscheinen, eine klare Grenze. Für die "Lutherratten" käme es immer noch auf das Wie an.
Politisches Kabarett lebt von politischen Autoritäten, Gegnern, Systemen und ihren Verkrustungen, kirchlcihes Kabarett von kirchlichen. Dort wie hier wächst der Bedarf an Satire als Waffe gegen aufgeblasene Strukturen mit deren Humorlosigkeit. Die offenbart eben nicht den Ernst des Lebens, sondern die Unfähigkeit, zwischen der eigenen Person und der Botschaft zu unterscheiden, wofür die transzendentale Bedeutungsschwere kirchlicher Ämter anfällig macht. "Mein Reich ist nicht von dieser Welt", ließe sich diese messianische Distanz menschlich kehren und zur Lockerungsübung gegen eigenes Übergewicht trainieren, es brauchte mehr Energie als die geübte Stand- und Sitzfestigkeit.
"Missionare" wollen sie nicht sein. Hüsch nicht, auch wenn er ein-, zweimal im Jahr von einer kölnischen Kanzel tönt, und auch die "Kneifer" und die "LutherRatten" nicht, das klingt ihnen zu eifernd. Aber als Symphatieträger nicht nur Gottes, sondern auch der Kirchen verstehen sie sich schon. Die "kneifer" necken die Kirche, weils sie - ja, wollen. Und glaubwürdig wollen. Bei den "lutherratten" stehen auch 3 Theologen auf der Bühne, eine Pfarrerin, zwei Kollegen, treiben "gesellschaftsbezogene Theologie in und quer zur Kirche". Die Realsatire ergibt sich aus dem Verhältnis zwischen Kabarett- und Gottesdienstbesuchern: einige tausend vor der Bühne, knapp hundert unter der Kanzel. "Unsere Lutherkirchengemeinde hat 13000 Seelen. Davon sind an normalen Sonntagen etwas tausend Personen in der Kirche...Wollen wir nicht alle helfen, daß das bessr wird?" Das stand vor vierzig Jahren mahnend im Gemeindebrief.
Das Kabarett als bekehrende Anstalt geht indirekte Wege. Es dürfe nicht zu missionarischen Gelegenheiten verkommen, sagt "Lutherratten"-Pfarrer Jürgen Erdmann. Satire ist eine doppelbödige Kunst. So entlarvt sie die Worthülsen der Predigt und wirbt für Eindeutigkeit im theologischen Wort zwecks Glaubwürdigkeit. Dem Hörer schafft sie Freiraum gegen fromme Vereinnahmung. Er bewegt sich im theologischen Wortspiel - und landet dann doch, wo er hinsoll: in der "Freiheit eines Christenmenschen".
Die "Kneifer" zitieren ihr Publikum zum Wiedererkennen. Nicht sprachliche Verfremdung, sondern Darstellung als Bloßstellung der Alltagssprache. Dem Volk aufs Maul zu schauen wird zum satirischen Wagnis, wenn in einer Szene wie "Adolph, setz dich!" deutsche Vereinsmeier mit faschistischen Sprüchen, allesamt Zitate, ihren Schützenbruder zum Schießen reizen. Das trifft und kann doch leicht danebengehen.
Christliches Kabarett kämpft für Toleranz. Daß Gott Meinungsfreiheit gebe, sagt Hüsch, habe die Kirchen schon immer gestört. "Großzügigkeit bis zur eigenen Ohnmacht, eine uneinholbare Anarchie des Herzens" finde sich bei ihm, die keine Unterschiede kenne, nicht religiöse, soziale, vielleicht nicht einmal moralische. Demokratische Tugenden erkenne er bei Gott. Kabarett eines Christen oder Predigt eines Kabarettisten? "Der Mensch interessiert mich", sagt Hüsch, "der Mensch zwischen Geburt und Tod interessiert mich. Aus Mitleid."
Aber bitte, Kabarett ist Unterhaltung. Wer ginge schon und zahlte neben der Kirchensteuer auch noch für die Verkündung von Toleranz, für Aufklärung, Kritik und unsympathische Spiegelbilder zur moralischen Selbsterkenntnis, ohne dabei Vergnügen zu erfahren? Klavier statt Orgel! Applaus statt Amen! Herr Hüsch, Sie sind dran: "Büchnerpreisträger Rühmkorf sagt: "Aufklärung! Bleib erschütterbar und widersteh!" Der Apostel Paulus sagt:"Gleicht euch der Welt nicht an" ein toller Satz Ich sage: "Die Welt soll mich am Arsch lecken". Sonst schreiben die Journalisten wieder, der Hüsch habe keinen Biß mehr."
Der Narr genießt Freiheit. Da mögen ehrwürdige Presbyter der Unierten Kirche in Düsseldorf ob der Spötter unter den Theologen die Nase rümpfen und Kleriker den satirischen Laienkatholiken aus Hamburg den Auftritt versagen. Aufmüpfigkeit ist nicht nur reformatorisch, sondern jesuanisch legitimiert. Zudem läuft der Widerspruch gegen die kabarettistische Methode immer Gefahr, unter das Verdikt vom Splitter im Auge des anderen und dem Balken im eigenen zu fallen. Was für die Spötter nicht weniger gilt. Paulus, den zu zitieren jeden theologischen Standpunkt ehrt. wußte schon von der Rede mit Engelszungen, die ohne Liebe blechern klingt. Auch das geschickte Kabarettistenwort verbirgt nicht die visionäre Hoffnung des Redners. Kirchliches Kabarett bringt eben doch nur Himmelsgleichnisse, reizend verpackt in visions-scheuer Zeit. Hüschs Himmel, der in einem ganzen Buch beschrieben werden soll, ist ein Wiedersehensort. "Ich muß all die Leute Wiedersehen. Obwohl ich natürlich da oben Milliarden von Toten vermute, ein Dschungel, da kommt man ja gar nicht durch. Ganz am Schluß, auf den letzten fünf Seiten, treffe ich meine Mutter. Und sie guckt mich groß an und sagt:"...und du konntest dir nichts anderes vorstellen, als dein Leben lang den Leuten dummes Zeug zu erzählen?!"
Aber, Herr Hüsch, ist denn ein Himmel, der nicht mal Mütter verwandelt, noch eine Hoffnung wert?